Samstag, 25. September 2021

DI 05 Cycling Europe: ITALY Apulien, Basilikata, Salento


DI 05 Cycling Europe: ITALY Apulien, Basilikata, Salento

Traumtour vom Main bis zum antiken "Ende der Welt" , wo adriatisches und ionisches Meer sich treffen - am Stiefelabsatz Italiens. Teil 5




 In Mattinata übernachteten wir recht günstig in der Herberge „La Rotonda“, sehr schön direkt am Meer gelegen. Am nächsten Morgen erhielten wir ein Frühstück, wie wir es kaum zu wünschen wagten. Nicht wie üblich süße Schoko-Hörnchen mit Nutella und Kuchen, sondern Schinken, Käse und gebackene Eier. Damit konnten wir den folgenden Anstieg auf über 250 Höhenmeter gut bewältigen. Es war der Abschied vom Gargano, es folgte eine lange Abfahrt, eine Strecke auf holprigem Weg zwischen hohen Steinmauern und schließlich die Stadt Manfredonia. Benannt nach Manfred, dem Lieblingssohn Friedrichs II, der die Stadt begründet hat. Sie hat uns nicht sehr beeindruckt. Es ging durch ein Wohngebiet, bereits in die Jahre gekommen mit bröckelndem Charme, auf den besser gepflegten Plätzen und Promenaden trafen sich jetzt um kurz nach 12 mittags meist ältere Männer zum Kaffee und zum Plaudern sowie Pulks von Schulkindern mit ihren Schulsachen. Eine Ausfallstrasse führte uns aus der Stadt hinaus, flach ging es weiter zunächst in Küstennähe, an Salinen vorbei, die der Salzgewinnung dienen und ein Biotop für Flamingos darstellen. 

Dann verließen wir die Küste, das weite, von Landwirtschaft geprägte Binnenland von Apulien und der östliche Teil der Nachbarprovinz Basilikata erwarteten uns. Die Murgia, eine steinige Kalk-Hochebene. Zunächst ging es über eine recht langweilige Strecke auf einer mäßig befahrenen Landstraße durch flaches Land über die Stadt Cerignola bis nach Canosa di Puglia.



 Zusammen waren es an diesem Tag 87 km bei 620 Höhenmeter Steigung. Wenige Kilometer vor dem Ziel hatte Thomas einen Platten, just an dem Reifen, der 10 Tage vorher einen neuen Mantel plus Schlauch bekommen hatte. Mit mehrfachem Aufpumpen schafften wir es zum Ziel, einem netten B&B. Zeltplätze gibt es hier im Binnenland von Apulien nicht.

Am nächsten Morgen stand zunächst Schlauchwechseln auf dem Programm, dann ging es über Nebenstrecken vorbei an Wein- und Olivenplantagen sowie Tomatenfeldern. Es werden durchweg kleine, längliche Dattel-Tomaten angepflanzt, sie wachsen in großen Mengen an niedrigen Sräuchern, werden mehrfach im Jahr meist maschinell geerntet und mit großen Lastwagen direkt für den Verkauf abtransportiert.

Dann kamen wir die nächsten zwei Tage Durch eine nahezu völlig ausgeräumte Landschaft, leicht hügelig, kaum ein Baum oder Strauch verirrt sich hierher,  abgeerntete Getreidefelder, ab und zu Tomatenfelder, Weite, Leere, Einsamkeit, kein Dorf unterwegs, stattdessen immer wieder aufgegebene, zerfallende Bauernhäuser. Zudem war es brütend heiß, es drückte auf die Stimmung, motivierte nicht sehr zum Radfahren, wir schafften an diesen beiden Tagen kaum mehr als 50km.




Entsetzt waren wir über die Mengen an Plastikmüll an den Straßenrändern überall in Süditalien. Halteboxen an den Landstraßen sind voll mit großen Plastiksäcken mit Müll. Offenbar funktioniert die Müllabfuhr nicht gut, ein System zur Flaschenrücknahme scheint es nicht zu geben. Wir wollten eine leere Plastikflasche im Geschäft zurückgeben. Darauf bracht sie uns ein junger Mann wieder heraus. Sowas wirft man einfach in die Landschaft, so gestikulierte er.



Unsere Stationen auf dieser Strecke waren Canosa di Puglia, Palazzo San Gervasio, Gravina in Puglia, zwischen den beiden letzteren radelten wir auf dem EuroVelo 5. Es war für uns erstaunlich, dass sich in einer ausgeräumten Agrarlandschaft so reizvolle und, mit Abstrichen von Palazzo, durchaus wohlhabende Städte voller Leben entwickeln konnten, alle mit einer interessanten Geschichte, die weit über die Antike hinausreicht. In Gravina blieben wir zwei Tage






 Und waren fasziniert. Die Stadt erhebt sich neben einem tief eingeschnittenen Canyon, einer Gravina, die von einem imposanten Aquädukt aus der Römerzeit überbrückt wird. 

Wieder breitet sich die typische mittelalterliche Stadt aus, neben und über ihren antiken Vorläufern, mit ihren Gassen, Nischen, Terrassen, Kirchen, Adelspalästen und, als Besonderheit, Ausblicken in die Schlucht mit ihren Felsengrotten und einem Labyrinth von einst bewohnten Häusern. Es ist schön, durch diese Städte zu schlendern, ihre Atmosphäre, ihre mehrere tausendjährige Geschichte zu atmen. Und gleichzeitig sind diese Städte sehr lebendig und gegenwärtig, das Leben pulsiert, überall Geschäfte, Boutiquen, Cafés, und das bei wenig Tourismus. Vor allem abends spielt sich das Leben auf den Straßen ab. Allerdings muss man sich an den Rhythmus erst gewöhnen, Bis 19.30 Uhr wirkt alles wie ausgestorben, kaum jemand ist auf der Straße. Erst gegen 20.30 Uhr füllen sich die Gassen, öffnen die Restaurants, strömt alles hinaus. Uns fielen vor allem die Jugendlichen auf, die in Gruppen unterwegs sind, herausgeputzt im neuesten modischen Chic, vor allem die Mädels, die sich zeigen, anscheinend ziellos  umherziehen, sich treffen,  Kontakt aufnehmen, lachen, plaudern, überall auf Plätzen, Treppen und Bänken sitzen, weniger in Cafés, dafür fehlt wahrscheinlich das Geld. Meist ohne dabei etwas zu trinken, niemand läuft mit einer Flasche Bier durch die Gegend, alles sehr friedlich und angenehm, ohne die geringste Aggressivität. Es ist gerade dieses harmonische Aufeinandertreffen von monumentalen, uralten, ehrfurchtgebietenden historischen Gemäuern und der gegenwärtigen Lebendigkeit und  Leichtigkeit vor allem der jungen Menschen, die uns sehr beeindruckt hat. Touristen gibt es hier zumindest in dieser Jahreszeit wenige, und wenn, dann italienische. So hatten wir besonders in dieser Region das Gefühl, authentisches süd-italienisches Leben mitzubekommen. Auffallend war für uns, dass nur wenige Menschen etwas Englisch können. Das macht die Verständigung schwierig, Spanisch hilft da begrenzt weiter. 

Es sei noch erwähnt, dass Thomas vor dem Ort Palazzo erneut einen Platten hatte, mit einem Loch im neuen Schlauch. Wieder schafften wir es bis zum Quartier, am nächsten Tag wurde der Schlauch geflickt und hält soweit, toi, toi, toi. Irgendwie haben wir auf dieser Tour beide doch einige Probleme mit den Rädern.

Weiter ging es zur Stadt Gioia del Colle, vorbei an Altamura, das wir kurz besuchten. Altamura ist bekannt für seine Claustri, enge Sackgassen, Hinterhöfe praktisch, in denen auf engstem Raum Familiengruppen leben. Der Begriff Claustrophobie dürfte daher kommen. 

Die Landschaft wurde jetzt vielfältiger und angenehmer. Wie häufig sprach uns ein Mann an und fragte nach unserer Tour. Irgendwie konnten wir uns trotz Sprachprobleme verständigen. Am Ende bot er uns eine große Portion Focaccia an, die er gerade gekauft hatte. Ein in dieser Region besonders typisches Gebäck, Wir hatten es schon mehrfach gegessen, Pizza-ähnlich, mit dickem Teig, in Olivenöl gebacken, nur ein Hauch von Belag, Oliven und Tomaten, früher ein Arme-Leute-Essen, warm sehr lecker. Ablehnen ging nicht, wir hatten auf diese Weise ein gutes Mittagessen. 

Gioia del Colle ist eine pulsierende Stadt mit 27.000 Einwohnern, eine große, verwinkelte, belebte Altstadt, im Zentrum ein gut erhaltenes Kastell von Friedrich II. Die Stadt und ihre Atmosphäre gefielen uns, wir beschlossen, zwei Tage zu bleiben, besuchten das Kastell und das archäologische Museum darin. Lohnenswert.





Von Gioia di Colle aus radelten wir in das Valle d‘Itria, eine wirklich zauberhafte Landschaft mit den Trulli-Häusern, die uns begeistert hat. Im Gegensatz zu vorher gibt es hier offensichtlich eine kleinteilige bäuerliche Landwirtschaft, die Landschaft ist durchzogen von aufgeschichteten Natursteinmauern, die auch unseren Radweg säumten, es gibt viele Feigen- und Mandelbäume, der Boden bedeckt von blühenden Alpenveilchen, überall gepflegte Olivenhaine und immer wieder Weinanbau. Zahlreiche Olivenbäume hatten ein biblisches Alter und waren eine Augenweide. Und überall die hier typischen Trullis, Rundhäuser aus weißen, aufgeschichteten Kalksteinplatten, ohne Mörtel errichtet. 






Wir kamen durch Alberobello, den Ort der 1000 Trullis, UNESCO-Weltkulturerbe. Ein ganzer Ortsteil besteht aus Trulli-Häusern. Die Bauweise ist eigentlich uralt,  ein Lokal-Fürst nutzte sie im 17. Jahrhundert als Steuertrick. Bei festen Siedlungen hätte er Steuern entrichten müssen, so verpflichtete er seine Untertanen, ihre Häuser als Trullis zu errichten, die man im Falle einer Steuer-Inspektion sofort auseinandernehmen und hinterher wieder aufschichten konnte.  Ursprünglich Arme-Leute Behausungen, sind sie heute Touristenattraktion, und viele werden gut ausgebaut als Ferienwohnungen vermietet. 





In Alberobello trafen wir auf Angelo, einen jungen Mann, der zu Fuß Teile von Mittelamerika durchwandert hatte. Er war von unserer Tour begeistert. 

Alberobello war vollgestopft mit Touristen, deshalb fuhren wir gleich weiter, und zwar einen besonders schönen Fahrradweg, den Ciclovia del Aquedotto pugliese, 



 

Schotter zwar, aber gut zu fahren, immer wieder über aquedukt-artige Brücken führend, mit denen Schluchten überwunden wurden. Vorbei an Locorotondo, einem Städtchen hoch oben auf einem Hügel errichtet, kreisrund wie der Name sagt (Runder Ort), aus schmalen, hohen Reihenhäusern bestehend, weiß getünscht, die steilen Giebeldächer wie die Trullis aus weißen Kalksteinplatten. Umgeben ist der Ort von Weinterrassen. Ein eindrucksvoller Anblick. 


Über Francavilla und Oria erreichten wir am folgenden Tag Manduria, bekannt für die Rebsorte Primitivo, die hier bevorzugt angebaut wird. Er ist auch unser bevorzugter Rotwein, aber wir hatten natürlich nicht bis Manduria gewartet, um eine gute Flasche zu trinken. Wir blieben in der Nacht auf dem Campingplatz Villagio Tiziana, ein schöner Platz, gut ausgestattet mit Swimmingpool, aber völlig leer. Wir waren die einzigen Gäste auf dem großen Gelände. Irgendwie gespenstisch. Aber wir wurden abends mit einem guten Fisch hervorragend bewirtet.


Dann empfing uns das Ionische Meer, tiefblau, mit einer schönen Küste mit herrlichen Buchten. Auf wenig befahrener Küstenstraße fuhren wir weiter nach Süden, an weithin sichtbaren mächtigen  Sarazenentürmen vorbei, und erreichten über Porto Cesáreo und Nardò die Stadt Gallipoli. Unterwegs fielen uns erstmals Olivenhaine auf mit schönen alten Bäumen, aber völlig trocken, abgestorben. Die Ursache ist ein Virus, der vor ca. 10 Jahren aus Amerika eingeschleppt wurde und dem Millionen von Olivenbäumen zum Opfer fielen, vor allem in Apulien. Ein trauriger Anblick. 

Gallipoli liegt malerisch auf einer vorgelagerten Halbinsel, am Anfang ein martialisches Castello zum Schutz des Hafens. Interessant war eine gut gemachte Light-Show zur Geschichte des Castellos. 















Als wir durch die Stadt schlenderten, kam uns eine Frau mit unverwechselbar lockigem Haarschopf entgegen, Kann das sein? Tatsächlich, es war Mone, unsere Bekannte aus Vieste. Zufällig hatte es sie auch hierher verschlagen. Das unverhoffte Wiedersehen musste gefeiert werden, wir tranken einen Aperol und tauschten unsere Erlebnisse aus.

Dann kam das eigentliche Ziel unserer Tour, der südlichste Punkt Italiens, Terrae Finibus, das Ende der Welt der alten Römer. Santa Maria di Leuca, wir erreichten es an einem weiteren Tag, über eine Traum- Strecke entlang der felsigen Küste, wieder bei strahlender Sonne. 





Ein großes Dorf mit etlichen Villen, einem Leuchtturm und einem Bootshafen, mehr war nicht. Wir blieben trotzdem zwei Tage auf dem Campingplatz und verbrachten zwei schöne, unterhaltsame Abende dort mit unseren Zeltnachbarn Babett und Detlef, die uns mit einem Willkommensbier und später mit köstlichem Spaghetti Bolognese begrüßt hatten. 

Der landschaftlich schönste Küstenabschnitt war der zwischen Leuca und Otranto, eine Felsenküste mit traumhaften Buchten, unter uns das tiefblaue Meer. Wir ließen uns Zeit, hielten immer wieder an, um den Ausblick zu genießen. 












Otranto ist ein überschaubares, gemütliches Städtchen, mit hübsch herausgeputzter Altstadt, erhöht auf Felsen erbaut, festungsartig mit einer dicken Mauer umgeben, mit einer schönen Promenade vorn am Meer und Stränden in der Nähe. Es ist der richtige Ort, um einige Tage zu bleiben, zu entspannen, bummeln, lesen.










 Abends gab es im Festungsgraben ein Konzert des italienischen Star-Sängers Zuckero, das wir bis zu unserem Campingplatz hören konnten. Wir hatten Nämlich auf dem nahen Campingplatz „Baia dei Micenei“ ein Hüttchen gemietet, Zelten ist nicht erlaubt. 



Das war unser Glück, denn das Wetter hatte sich verändert. Nachdem wir in zwei Monaten nur einmal leicht nass wurden, kam jetzt eine Gewitterfront und es regnet in Kübeln, sintflutartig, die Wege auf dem Campingplatz wurden zu reißenden Bächen. Mit Zelten wären wir weggeschwommen. 

Morgen gehts zu unserer letzten Station auf dieser Tour und einem der kulturellen Höhepunkte,  dem wirtschaftlichen und touristischen Zentrum von Salento: Lecce, der Perle des apulischen Barock, das Florenz des Südens. Wir sind sehr gespannt und hoffen, trocken dorthin zu kommen.






Damit ist unsere zwei-monatige Radtour zu Ende, der anhaltende Regen erleichtert uns den Abschied. Von Lecce aus fahren wir am Montag, 11.10.2021 mit Fernzügen über Bologna, München und Frankfurt in zwei Tagen, wenn alles klappt, nach Hause. Die Tickets per Internet zu buchen war einfach, als äußerst kompliziert erwies sich die Fahrrad-Mitnahme mit der Deutschen Bahn ab Bologna. Fahrrad-Tickets können nur von Deutschland aus gebucht bzw. dorthin zugeschickt werden. Erst langwierige und wiederholte Telefonate mit dem Auslands-Service der DB brachten eine mögliche Lösung: Der hilfsbereite Angestellte schickt uns per Mail die Fahrrad-Reservierung zu, damit müssen wir die Tickets selbst im Zug kaufen. Hoffentlich klappt das.

Tschau, Bella Italia, nach 2.600 gestrampelten Kilometern verabschieden wir uns. Es war, wieder, eine gelungene, fantastische Radtour.